Vernetztes Denken zwischen vernetzten Hirnen

Vernetzte Hirne

Vernetztes Denken ist besonders wertvoll, wenn es auch schon in einem vernetzten Modus entsteht: im fruchtbaren Dialog, Austausch und Ko-Kreation mit anderen Denkern. Dies kann offline oder online passieren, zeitgleich oder asynchron. Dafür die entsprechenden Unterstützungswerkzeuge zu gestalten, wird eines meiner Arbeitsfelder in der Zukunft sein.

Hierbei sind folgende Dimensionen wichtig:

  1. Raum
  2. Hardware
  3. Software
  4. Prozesse

Die ersten drei Dimensionen beschreiben die wesentlichen Elemente unseres damaligen AMBIENTE-Ansatzes beim Forschungsinstitut IPSI, bei dem diese in Form des Roomware-Konzeptes integriert sind. Die vierte Dimension betrifft die konkrete Nutzung der Komponenten in verschiedenen Arbeitsprozessen, seien es kreative, investigative, diskursive oder Entscheidungssitzungen. Für jeden der Prozesse sind unterschiedliche Formen des Roomware-Einsatzes notwendig, z.B. wird in kreativen Sitzungen eine andere Form der Verteilung der Personen im Raum erforderlich sein als  in einer Entscheidungssitzung. Es kann auch notwendig sein, innerhalb einer Session (einer zeitlich begrenzten Zusammenkunft mehrerer Personen) verschiedene Raumkonstallationen einzusetzen, um die entsprechenden Kommunikationsmuster zu ermöglichen und zu unterstützen. Dafür die am besten geeigneten Komponenten zu finden und in einem Design zu integrieren, ist die Aufgabe einer Wissensinnenarchitektur (der Begriff ist übrigens komplett neu und noch nicht (Stand 3.9.2015) auf Google zu finden. Diese Disziplin erforscht die Zusammenhänge zwischen Raumgestaltung, Möbeldesign, Computern (in allen Formen) und Wissensprozessen. Einige der grundlegenden Fragen dabei sind:

  • Was und wie tragen die unterschiedlichen Komponenten zur Erschaffung und Verarbeitung von Wissen bei?
  • Welche Beispiele gibt es bereits für (gute und schlechte) Wissensinnenarchitektur und was lernen wir daraus?
  • Lassen sich aus den bisherigen Erfahrungen in diesem Gebiet bereits Design Patterns ableiten, die für die Gestaltung von Wissensräumen genutzt werden können?

Die Aufgabe für die Zukunft wird also sein, unter anderem diese Fragen zu bearbeiten und damit die Bedingungen für besseres Denken in der Welt zu schaffen. Die Qualität der Wissenserzeugung wird mit-entscheidend sein für das weitere Bestehen der Menschheit.

Das verstandesmäßige Wissen alleine wird aber nicht nützen, sollte sich die gefühlsmäßige, intuitive, ethische Seite nicht ebenso weiterentwickeln. Zu diesem Thema wird noch einiges zu schreiben sein.

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Was ist ein System?

Die Sicht der Systemtheorie geht davon aus, dass alle Systeme bestimmte Eigenschaften besitzen, egal aus welchen Stoffen sie zusammengesetzt sind. Aber ist deswegen alles ein System? Nein, nicht jedes Ding der Realität ist System. Hier ist eine kleine Checkliste, die dabei hilft zu erkennen, ob das betrachtete Ding ein System ist:

1. Gibt es Teile?
2. Beeinflussen sich die Teile gegenseitig?
3. Ist es wichtig, wie die Teile angeordnet sind?
4. Ändert sich das Verhalten des Systems wenn ein Schlüsselelement entnommen wird?
5. Erzeugen alle Teile gemeinsam eine Wirkung, die anders ist als die jedes einzelnen Teils?

Hier wird zum Beispiel unmittelbar klar, dass Sportmannschaften, Arbeitsteams und Familien Systeme sind. Ein (funktionierendes) Smartphone ist ein System, aber ein Müllhaufen nicht, da hier nur Punkt 1. erfüllt ist. Das entscheidende Kriterium ist die gegenseitige Beeinflussung der Teile, die eine Wirkung erzeugt. In http://www.systems-thinking.org/systhink/systhink.htm definiert Gene Bellinger Systeme in der folgenden Weise:

A system is an entity that maintains its existence
through the mutual interaction of its parts.

Diese Beschreibung ist meines Erachtens sehr gelungen, da sie auf die dynamische Natur von Systemen verweist: sie sind nicht einfach da, sondern erzeugen sich durch die Interaktionen ihrer Teile ständig selbst. Ohne diese permanente Interaktion gibt es kein System. Wenn die Mitarbeiter einer Firma zuhause sind, gibt es keine Firma, da niemand dieses System erzeugt, es gibt keine Interaktionen. Erst wenn sie am Montag morgen wieder auftauchen, „baut“ sich die Firma wieder zusammen. In heutiger Zeit, wo alle per eMail und am Wochenende verfügbar sind, kann man erkennen, dass sich hier etwas ändert.  Das System Firma existiert jetzt immer, da immer eine Interaktion zwischen den Teilnehmern und zwischen der Organisation und der Umwelt stattfinden kann (z.B. werden Bestellungen online angenommen, die auch am Wochenende automatisch verarbeitet werden).

Systeme sind also nicht einfach „da“, sondern werden beständig „hergestellt“, damit es sie gibt. Ein System ist ein Prozeß und hat die Zeit als essentielle Dimension. Systeme gibt es nur in Zeitabschnitten.  Wenn man die Welt anhalten würde und durch sie wie in einem Museum hindurchgeht, würde man keine Systeme sehen, da die Interaktionen nicht sichtbar sind.

In diesem Sinne kann man sagen, dass Systeme wie Musik sind, sie sind Muster in der Zeit. Man kann sie nicht mit einem Blick erfassen, sondern muss ihnen zuhören, ihren Rythmus fühlen. Sie sind nicht starr, sondern dynamisch und sie sind niemals gleich, sondern immer wieder anders. In gewisser Weise haben sie Identität, aber sind niemals mit sich identisch. Man steigt nie zweimal in denselben Fluss und man sieht nie zweimal dasselbe System.

Grüne Lügen

Ich habe gerade die getAbstract-Zusammenfassung des Buches Grüne Lügen von Friedrich Schmidt-Bleek gelesen und sie bestätigt meine These, dass vernetztes Denken immer noch eine seltene Gattung im mentalen Kosmos der Menschheit ist. Die berechtigte Sorge um den Klimawandel scheint alle anderen Umweltprobleme in den Hintergrund zu drängen und sorgt dabei für eine widersinninge Entwicklung: weil CO2 scheinbar DIE Ursache für DAS Problem ist, werden alle Maßnahmen vor allem auf die Reduktion von CO2 ausgerichtet und andere Aspekte der Umweltverträglichkeit ausser acht gelassen:

Nur im Lichte der Konzentration auf CO2-Reduktion kann es passieren, dass

  • Atomenergie umweltfreundlich
  • Hybridautos besser als Benziner
  • Energieverbrauch allein zählt und nicht die Umweltkosten des gesamten Lebenszyklus eines Produktes

Wir brauchen jedoch eine Ressourcenwende, d.h. eine nachhaltige Form der Rohstoffverwertung, deren Bestandteil auch eine Energiewende ist, aber im richtigen Verhältnis. Eine Energiewende, die auf Kosten der Ressourcen eine scheinbar nachhaltige Entwicklung nur vortäuscht, nützt am Ende gar nichts.

Ein Elektroauto erzeugt zwar keine direkten Emissionen, aber auf die Entstehung und die Laufzeit gesehen kann es gut sein, dass noch mehr Ressourcen (Rohstoffe und Energie) verbraucht werden als ein Benziner. Ohne eine Messung dieses Gesamtwertes, den Schmidt-Bleek schon in den 90er Jahren entwickelt hat, kann man nicht bewerten, wie umweltverträglich ein Produkt wirklich ist. Dieser Wert heisst MIPS (= Material-Input pro Einheit Service) und misst den ökölogischen Rucksack, den ein Produkt mit sich trägt.

„Jede Tonne Steinkohle, die wir verfeuern, trägt einen Rucksack von 5 Tonnen Abraum und Wasser. Dazu kommen ca. 3,3 Tonnen Kohlendioxidemissionen, die im Verbrennungsprozess entstehen. Der ökologische Rucksack von Steinkohle ist also knapp 8,5-mal, der von Braunkohle sogar insgesamt zehnmal so schwer die Kohle selbst. MIPS ist – so Schmidt-Bleek – das bisher einzige Maß dafür, wie viel Nutzen aus einer bestimmten Menge Ressourcen gezogen wird.“
http://www.nachhaltigkeit.info/artikel/schmidt_bleek_mips_konzept_971.htm

Der ökologische Rucksack von Hightech-Produkten ist ca. 70-mal größer, d.h. ein Kilo Smartphone verbraucht 70 Kilo Umwelt…

Wenn wir auf unserer Erde noch ein Weilchen wohnen wollen, sollten wir uns schleunugst überlegen, wie wir unseren Ressourcenverbrauch einschränken, am besten jedoch, ohne die Qualität einzuschränken. Wir könnten nämlich wahrscheinlich durchaus auf einem guten Standard leben, wenn wir unsere Effizienz verbessern und über bestimmte Gewohnheiten nachdenken.

Da wäre zuerst die Frage, ob wir viele Dinge, die wir haben, wirklich persönlich besitzen müssen, oder ob es uns eigentlich eher auf etwas ankommt, was diese Dinge vermitteln.

Literatur zu Vernetztem Denken

Bibiothek

Ich verwende die Online-Literaturverwaltung Citeulike, in der man nicht nur seine Fundstellen eintragen und in verschiedene Formate exportieren kann, sondern auch sehen kann, welche anderen Benutzer die gleichen Einträge in ihren Listen haben. Auf diese Weise ist es möglich, neue Quellen zu finden, auf die man selber nicht gekommen wäre (vier Augen sehen mehr als zwei).

In diese Datenbank trage ich vor allem wissenschaftliche Paper ein, die ich online gefunden habe. Meine bisher gelesenen Bücher sind noch unvollständig, werden aber kontinuierlich eingepflegt.

Die Quellen zum Thema Vernetztes Denken habe ich unter dem Tag „systemdenken“ abgelegt. Wer sich für weiterführende Literatur interessiert, sei hiermit auf meine Liste verwiesen: http://www.citeulike.org/user/Torsten_Holmer/tag/systemdenken

In zukünftigen Beiträgen werde ich einzelne Autoren, Bücher und Paper besprechen, um die verschiedenen Richtungen und Themen des Gebietes darzustellen. Stay tuned!

Wozu vernetzes Denken?

Das Thema Vernetztes Denken und seine Rolle bei der Verbesserung der Welt interessiert mich seit den ersten Büchern von Frederic Vester wie „Ballungsgebiete in der Krise“, „Unsere Welt, ein vernetztes System“ und natürlich „Neuland des Denkens – Vom technokratischen zum kybernetischen Zeitalter“. Ein weiterer Impuls ergab sich durch die Arbeiten von Dietrich Dörner, der sich mit der Fähigkeit des Menschen zum Lösen von komplexen Problemen beschäftigt hat und in seinem Buch „Die Logik des Mißlingens – Strategisches Denken in komplexen Situationen“ einen betrüblichen Zustand der Problemlösefähigkeit des Menschen feststellte. In neuerer Zeit hat sich der leider verstorbene Günther Ossimitz wieder verstärkt mit der Frage beschäftigt, wie man vernetztes Denken definiert und wie es in der Schule erlernen kann.

Da ich der festen Überzeugung bin, dass viele alte und aktuelle Probleme durch vernetztes Denken ganz anders angegangen werden können als bisher, will ich an dieser Stelle über meine Erfahrungen und Ansichten sowie über die wissenschaftlichen Aspekte des vernetzten Denkens/systemischen Denkens berichten. „Der Vernetzer“ soll zeigen, dass es einerseits wichtig ist, über den Tellerrand der Einzeldispiplinen hinauszugehen und nach allgemeinen Mustern zu suchen, die Problemkonstellationen charakterisieren. Andererseits soll demonstriert werden, dass die meisten Probleme eine vernetzte Struktur haben und die Abbildung dieser Wirkungsstrukturen in Form graphischer und interaktiver Diagramme einen unverzichtbaren Zugang zu Lösungsmöglichkeiten bietet. Es wird also auch über Software zu reden sein und wie man diese kollaborativ zur gemeinsamen Exploration von komplexen Problemen einsetzen kann.

Ich wünsche mir und Euch als meinen Lesern eine spannende Zeit und alle Seiten bereichernde Diskussionen.

Torsten Holmer, Dresden, 4.11.2014